Unseren Verächtern
Kann man nicht die zweitschönste Sache der Welt, den Sport, mit der schönsten verbinden? Nicht wenige Sportarten sind erotisch. Für eine Gruppe von Menschen ist der Ringkampf erregend, und zwar, so es sich um heterosexuelle Männer handelt, der von Frauen, Schwule hingegen können sich mit Ringern identifizieren oder ringen selbst miteinander. Schon Sigmund Freud hatte erkannt: "Tatsache ist aber, daß eine Reihe von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen erlebt." Die "infantile Verknüpfung zwischen Raufen und sexueller Erregung" wird von manchen, wie so vieles, ins Erwachsenenleben hineingenommen.
Es gibt keinen Zweifel: Für viele Menschen, meistens in der Rolle von Zuschauern, ist Kampf mit Lust verbunden, selbst oder gerade der aggressive. Die Renaissance des Boxens in den Medien kündet beredt davon. Während Frauenboxen längst akzeptiert ist, glauben Menschen, die Lust empfinden, wenn sie ringenden Frauen zuschauen, sich verstecken zu müssen. Gewiß, diese Neigung galt jahrzehntelang als pervers, zumal wenn die Ringerinnen fast unbekleidet sind. Das dürfen sie nach gegenwärtiger Anschauung nur dann, wenn sie am Strand liegen. Frauen werden ausgebeutet, wenn sie für ihre Ringkämpfe Geld bekommen, lautet ein anderes Vorurteil. Die Erfahrung lehrt: Das Honorar gibt allenfalls nur den Anstoß. Es überwiegt die sportliche Herausforderung oder - die Lust. Die Ringkampfszene, die sich außerhalb der Kraftsportvereine gebildet hat, ist äußerst facettenreich.
Man könnte ein Buch darüber schreiben. Es ist geschrieben, das einzige. Diese Seite verfolgt den Zweck, es bekannter zu machen. Zugleich soll sowohl mit der Website als auch mit dem Buch eine bessere Akzeptanz dieser für Außenstehende merkwürdig erscheinenden Szene erreicht werden. Es ist grotesk, daß andere Triebneigungen wie der Sadomasochismus gesellschaftlich toleriert sind, der als lustvoll empfundene Ringkampf nach vereinfachten Regeln jedoch nicht. Vielfach liegt es heute an den Angehörigen der Szene selbst. Sie trauen sich nicht aus dem Versteck. Öffentliche Zirkel wie der Rauftreff in München oder am Rhein sind die Ausnahme.
Diese Seite soll ermutigen, sich zu seiner Neigung zu bekennen; sie soll andere einladen, sich seriös zu informieren. Das Buch "Kampfes Lust" will einen Beitrag dazu leisten.
Abbildung: Französische Postkarte von Anfang des 20. Jahrhunderts, Sammlung Sonntag
Quo vadis anno 2010?
Der Versuch einer Standortbestimmung vor einem Jahr ist insbesondere bei Benützern der beiden Foren Catfightfans und Fightergirl auf Widerspruch gestoßen. Dennoch soll der Versuch wiederholt werden. Dies um so mehr, als ich außerhalb der Foren durchaus auch Zustimmung erhalten habe.
Wie ist die Lage? Hat sie sich im Jahr 2009 verändert? Welche Veränderungen sind sichtbar geworden? Grundsätzlich: Ich halte meine Bemerkungen von vor einem Jahr noch immer für berechtigt. Dies jedoch auch, was die positive Seite angeht.
Als positiv habe ich vermerkt: Aus der ängstlich gehüteten Heimlichkeit hat sich eine Entwicklung hin zur Community vollzogen. Diese Community stellt sich dar, differenziert sich weiter, nützt jedoch ihre Möglichkeiten nicht aus. Den Vorwurf der Verflachung halte ich nach wie vor aufrecht.
Positiv ist, daß die Krise des Jahres 2005/2006 vergessen scheint. Eine Anklage gegen Béatrice und Michel wegen der Veranstaltung im Februar 2005 ist nicht erhoben worden. Die Behauptungen, die damals die Grundlage einer Reportage im belgischen Fernsehen und einer Meldung der Deutschen Presse-Agentur bildeten, sind auf Sand gebaut; sie stellen sich als eine private Racheaktion dar, als die wir sie schon damals bezeichnet haben. Dies hat wohl auch die Richterin in dem von Béatrice und Michel angestrengten Schadenersatzprozeß so erkannt. Weder ist es verboten, unbekleidet oder nahezu unbekleidet zu ringen, noch ist es verboten, nach modifizierten Regeln zu ringen. Weder ist es verboten, dafür Geld zu verlangen, noch Geld dafür zu zahlen. Der Fall einer minderjährigen Beteiligten, die sich offenbar um einige Monate älter gemacht hat, ist als juristischer Angelpunkt wohl kaum brauchbar.
Wir können uns also in dieser Beziehung zurücklehnen. Dennoch, was ich als Verflachung der Szene bezeichnet habe, gilt nach meiner Ansicht nach wie vor. Aus einem Brief über Ringerinnen zitiere ich: „Ein eigenes Ringerinnen-Image entwickeln nur sehr wenige. Es herrscht Einfalt statt Vielfalt, Konformität im Denken und Uniformität in der Kampfkleidung. Nicht selten beschränkt sich die kampfsportliche Ausbildung auf einen Wochenend-Crashkurs. ... Die Kämpfe aus den Anfangszeiten der heute renommierten Produzenten.... waren zwar technisch nicht so aufwändig produziert wie heutige Kämpfe, aber die Kämpfe waren um so leidenschaftlicher.“
Statt Vielfalt haben wir eine personell gebundene Ausdifferenzierung. Die einzelnen Gruppierungen haben kaum oder gar keine Kontakte zueinander. Die seit 1996 bestehenden Rauftreffs in München betreiben Therapie, die rheinischen Ringer Freikörperkultur. Die Beach-Variante des organisierten Ringkampfsports, die international eingeführt worden ist, wird den Erwartungen wohl nicht gerecht. Entsprechende Veranstaltungen zu finden, gerät zur mühsamen Fahndung im Internet. Das läßt den Schluß zu: Der vom Internationalen Ringerbund lancierte Regelvorschlag hat sich zumindest in Deutschland als Totgeburt erwiesen.
In der privaten Szene behauptet DWW nach wie vor seine führende Position. Das ist um so bemerkenswerter, als wir auf diesem Gebiet doch mit sehr kurzen Zeitphasen intensiver Aktivität rechnen müssen. G. R. hat mit DWW seine starke Position behalten und versteht es, sie auszubauen. Allerdings beklagen wir noch immer den Verlust der sommerlichen Treffen, wie denn überhaupt DWW in der Praxis nur noch als Händler auftritt. Das Ringkampfgeschehen spielt sich innerhalb eines ungarischen und eines tschechischen Teams ab. Vermutlich stand G. R. in dieser Beziehung unter einem gewissen Druck. Denn eines hat sich immer mehr abgezeichnet: Die Frauen ergreifen die Initiative und vermarkten sich selbst. Anne Hurricane ist eine der ersten in Europa gewesen, die in dieser Beziehung initiativ gewesen ist, wenngleich längst nicht alle Blütenträume gereift sind. APL geht auf die portugiesische Kämpferin Paula zurück; nach wie vor werden regelmäßig Angebote vorgelegt. Hana, eine der frühen Ringerinnen von DWW, hat, wie bekannt, ihren Verwaltungsjob bei DWW aufgegeben und sich selbständig gemacht. Mit Foxycombat hat sie ein unverwechselbares Unternehmen aufgebaut; das erotische Image ihrer Website ist einzigartig. Die Frage, ob das wirtschaftlich für die Zukunft trägt, bleibt weiter offen. Bei AS, deren Inhaber Andreas M. ist, zeichnet Silke als Kontaktperson, was insofern angebracht ist, als sie eigene Ringkampf-Erfahrung hat. AS hat im Jahr 2009 in voller Absicht auf die Veranstaltung eines Live-Treffens verzichtet. Ob wohl das Kämpferinnen-Potential zu gering ist? Die Personal-Galerie nennt weit mehr inaktive Kämpferinnen denn aktive. Und Nadège und Xana kann man wohl kaum als AS-Ringerinnen beanspruchen, nur weil sie vor Jahren in oder bei Elmshorn aufgetreten sind.
Die Handelsfirma Kontex wird von Kai Kollatschni unterhalten; die Webseiten-Leser werden jedoch von Cindy angesprochen. Auch auf diese Weise tritt eine Feminisierung zutage. Die immer etwas undurchsichtige deutsch-kanadische Kombination, die sich als Produzent isoliert hat, hat nichts mehr von sich hören lassen. Classic-Catfights werkelt still vor sich hin; eine Veranstaltung hat zwar hier seit November 2007 nicht mehr stattgefunden, aber die Kampf-Aktivitäten in Dresden sind stetig. LGIS ist ja wohl, wie die Internet-Präsenz über TPC erkennen läßt, in anderen Händen und vermarktet die Vergangenheit. Unter den deutschsprachigen Produzenten ist der Aufbau der österreichischen Firma Fightinggirls in Graz bemerkenswert, wo man sich entschlossen zum Kampf im Bikini oder in Catfight-Kleidung bekennt. Zum Gesprächsstoff hat sicher die rege Profilierung durch Foren-Beiträge verholfen. Allein die Links der genannten Webseiten lassen erkennen, daß es unmöglich ist, die vielen einschlägigen Angebote anders als nur durch eine rasch veraltende Liste zu erfassen. Es bleibt nichts, als sich zur Orientierung selbst auf Entdeckungsreisen zu begeben. Hingewiesen sei hier noch auf die französische Athène2 und die amerikanisch-russische Seite female single combat club, die eine beträchtliche Kontinuität aufweist.
G. R. hat sich, wie andere, aus dem Forum Catfightfans verabschiedet; man findet ihn im Fightergirl-Forum. Bei Catfightfans hat die im Mai abgeschlossene Arbeit an der Website Erwartungen geweckt, sie jedoch keineswegs erfüllt. Objektiv gesehen, hat CFF an Substanz verloren, das Forum ist ausgedünnt, die Archivbeiträge tragen beträchtliche Patina. Hingegen hat das Fightergirl-Forum dank zunehmender Qualitätsbeiträge gewonnen. Da zudem provozierende Beiträge verschwunden sind, ist es lesenswert geworden. Offenbar ist jedoch das Internet insgesamt reifer geworden; die Provokateure geben nicht mehr den Ton an.
Unkommerzielle private Websiten erschließen Clips. Wiewohl YouTube kaum noch zu übertreffen sein dürfte. Qualität ist hier jedoch eher selten. Ein typisches Merkmal der von mir getadelten Verflachung ist es, daß Hinweise auf solche Clips, so berechtigt sie im einzelnen auch sein mögen, einen erheblichen Teil an Information in Forumsbeiträgen ausmachen.
Was der Szene heute nach wie vor fehlt, ist persönliche Leidenschaft. Wir können alles haben, Clips zum großen Teil ohne Bezahlung. Das Internet ermöglicht Austausch; damit haben die Begegnungen bei Veranstaltungen an Bedeutung verloren. Darin sehe ich, auch wenn ich mich selbst an den Ohren ziehen müßte, einen beträchtlichen Verlust. Die Ausdifferenzierung der Szene dürfte wahrscheinlich nur durch Integration der verschiedenen Interessentenkreise aufzuhalten sein; diese jedoch ist nach wie vor nicht erkennbar.
W. S.